Im Rahmen der Lateinamerika-Konferenz stellte heute der SPD-Parteivorsitzende, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, folgende Lateinamerika-Strategie der SPD vor:
Sozialdemokratische Lateinamerika-Politik hat eine lange Tradition und steht für Ausgleich, Dialog und die Suche nach gemeinsamen Interessen auf der Basis von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Sie ist eng mit Willy Brandt verbunden, der ein wichtiger Wegbereiter für den Dialog mit der Linken in Lateinamerika und der Karibik und deren Einbindung in die Sozialistische Internationale war. Wir stehen in dieser Tradition und suchen verstärkt den Dialog auch mit den neuen demokratischen und an unseren freiheitlichen Werten orientierten linken Kräften in Lateinamerika und der Karibik.
Die politischen Umwälzungen der letzten Jahre und das Erstarken der Linken in der Region sind auch verknüpft mit dem gescheiterten neoliberalen Wirtschaftsmodell. Dieses hat in Lateinamerika und der Karibik die weltweit größte Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Besitz weiter verschärft. Daher steht die soziale Frage verstärkt auf der politischen Agenda.
Als deutsche und europäische Sozialdemokraten wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern in Lateinamerika und der Karibik tragfähige Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung für Sozialstaat, Wachstum und Beschäftigung finden. Nur gemeinsam lassen sich Fortschritte bei den drängenden globalen Herausforderungen Friedenssicherung, Abrüstung, sozial gerechtere Gestaltung der internationalen Märkte sowie Klimaschutz erzielen.
Die SPD unterstützt den Dialog zwischen Europa und Lateinamerika und der Karibik sowie die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit Lateinamerikas Integrationsbündnissen (MERCOSUR, CAN, SICA, CARIFORUM). Wir setzen uns dafür ein, dass die bestehende Partnerschaft zwischen beiden Weltregionen zu einer strategischen Partnerschaft ausgebaut wird.
Unser Signal: Wir wollen gemeinsam mit den Staaten Lateinamerikas und der Karibik partnerschaftlich Zukunft global gestalten.
Europa und Lateinamerika basieren politisch und kulturell auf den gleichen Werten und Überzeugungen. Das macht beide Regionen zu verlässlichen Partnern bei der Durchsetzung globaler Ziele: Frieden erhalten und schaffen, Menschenrechte und Völkerrecht durchsetzen, Klima, Umwelt und Ressourcen schützen, den Welthandel gerecht gestalten, die Vereinten Nationen reformieren und das multilaterale System ausbauen. Um diese Partnerschaft zu einer strategischen Partnerschaft auszugestalten, bedarf es des intensiven Dialogs in folgenden Bereichen:
1. Partnerschaft für ein leistungsfähiges System von Global Governance
Europäisch-lateinamerikanische Initiativen können der Politikgestaltung auf multilateraler Ebene neue Legitimität verleihen. Die hohe Übereinstimmung der Interessen in den Bereichen kollektive Friedens- und Sicherheitspolitik, Menschenrechtsschutz und Umweltschutz wollen wir dafür stärker nutzen. Auf institutioneller Ebene wollen wir gemeinsam eine Reform der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrats weiterverfolgen.
Die SPD befürwortet eine stärkere Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure in den Strukturen der Global Governance. So lässt sich ein Mehr an Demokratie und Partizipation in internationalen Prozessen herstellen. Die bestehenden intensiven Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften Europas und Lateinamerikas und der Karibik müssen stärker genutzt werden, um zwischenstaatlichen Initiativen wichtige Impulse zu liefern.
2. Partnerschaft für Stabilität der internationalen Finanzmärkte
Angesichts der zunehmenden Vernetzung der internationalen Märkte kommt stabilen Finanzmärkten eine besondere Bedeutung zu. Einzelne Nationalstaaten können diese Stabilisierung nicht leisten. Aufgrund ihrer Erfahrungen sind die lateinamerikanischen Staaten wichtige Verbündete, um durch einen starken, transparenten und demokratisch legitimierten internationalen Ordnungsrahmen von Regulierung und Aufsicht der Finanzmärkte Krisen zu begegnen. Dabei müssen staatliche und private Akteure miteinbezogen werden.
Die Reform des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank muss weiter vorangebracht werden. Ihre Strukturen und die Verteilung der Stimmrechte müssen die Interessen der Schwellen- und Entwicklungsländer stärker widerspiegeln.
3. Partnerschaft bei Abrüstung und Nichtverbreitung
Lateinamerika und die Karibik gelten heute als eine der am wenigsten militarisierten Regionen der Welt. Die Länder der Region sind frei von ABC-Waffen und Trägersystemen. Fast alle Staaten Lateinamerikas und der Karibik sind Mitglied in den Verträgen über Abrüstung und Nichtverbreitung. Auf dieser Grundlage und um eine stärkere Dynamik in die Abrüstungspolitik weltweit zu erreichen, suchen wir die Partnerschaft für neue Initiativen.
Darüber hinaus hat Lateinamerika und die Karibik weltweit die erste atomwaffenfreie Zone geschaffen. Wir setzen uns dafür ein, dass dies so bleibt und wollen die lateinamerikanischen Erfahrungen für Europa und andere Weltregionen nutzen, um die Politik der Abrüstung und internationalen Zusammenarbeit im Sinne einer neuen Entspannungspolitik energisch voranzutreiben.
Die freiheitliche, gerechte und solidarische Gestaltung der Globalisierung, die eine nachhaltige Entwicklung für alle Menschen in allen Ländern gewährleistet, ist weit mehr als humanitäre Verpflichtung. Sie liegt auch in unserem eigenen Sicherheits- und Wirtschaftsinteresse. Daher wollen wir:
4. Partnerschaft für einen gerechten Welthandel
Die Frage einer reformierten und multilateralen Weltordnung ist eng verknüpft mit der Frage einer gerechteren Handelsordnung. Die Länder Lateinamerikas und der Karibik spielen eine entscheidende Rolle für die Durchsetzung verbindlicher Regeln für den Welthandel. Tarifeskalation und handelsverzerrende Subventionen der Industrieländer bei Produkten, bei denen Entwicklungs- und Schwellenländer einen Vorteil haben (z.B. bei Agrarerzeugnissen), müssen abgebaut werden. Gleichzeitig müssen verpflichtende Umwelt- und Sozialstandards stärker verankert und beachtet werden. Bei Investitionsschutzabkommen müssen politische Spielräume für nationale Strategien zur Gestaltung der Wirtschaft erhalten bleiben.
5. Partnerschaft für konsequente Armutsbekämpfung
Die SPD ist die Partei, die für die Steigerung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7% des BIP und eine weitere Entschuldung steht. Unserer Verantwortung als reiches Land stellen wir uns.
Die deutsche und europäische Entwicklungszusammenarbeit muss die Eigenverantwortlichkeit der Partner stärken und die Anstrengungen der Regierungen der Region bei der Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele bis 2015 weiter unterstützen - vor allem bei der Halbierung der extremen Armut. Die noch immer vom Ausschluss sozialer Gruppen, wie z. B. Indigene, der Benachteiligung von Frauen und stark von sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaften bergen ein zunehmendes Konfliktpotenzial, dem durch gezielte Förder- und Sozialprogramme begegnet werden muss.
6. Partnerschaft für nachhaltige Klima- und Umweltpolitik
Die Verwirklichung des zentralen internationalen umweltpolitischen Ziels, den globalen Klimawandel zu bremsen, ist ohne den Erhalt der Waldbestände Lateinamerikas mit ihrer ungewöhnlich großen Biodiversität nicht denkbar. Die SPD begrüßt die Initiative der Bundesregierung zur Schaffung der Forest Carbon Partnership, die ein Anreizsystem für die Nicht-Nutzung der Ressource Wald schafft. Wir bekräftigen die Partnerschaft zwischen Europa und Lateinamerika und der Karibik bei der gemeinsamen Unterstützung des Übereinkommens über die biologische Vielfalt sowie des Kyoto-Protokolls und dessen Weiterentwicklung.
7. Partnerschaft bei erneuerbaren Energien
Wir brauchen einen intensiveren Austausch bei der Weiterentwicklung und globalen Verbreitung von Technologien im Bereich erneuerbarer Energien, zur Verbesserung der Energieeffizienz und zur Reduzierung des Schadstoffausstoßes. Wir sind bereit, unsere Erfahrungen bei Erdwärme, Solar- oder Windkraft einzubringen. Eine nachhaltige Nutzung von Biomasse ist ebenso von zentraler Bedeutung und wichtiger Bestandteil des Dialogs. Erneuerbare Energien sind ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz und eine verlässliche Energieversorgung. Sie tragen zur Bekämpfung der globalen Armut bei, beugen Konflikten um immer knapper werdende Ressourcen vor und dienen zugleich der Schaffung und Sicherung zukunftsorientierter Arbeitsplätze.
Um die strategische Partnerschaft zwischen der EU und den Staaten Lateinamerikas und der Karibik auszubauen, bedarf es über den alle zwei Jahre stattfindenden EU-Lateinamerika-Karibik-Gipfel hinaus der kontinuierlichen Zusammenarbeit. Wir wollen den Dialog intensivieren, die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit vertiefen und unsere Erfahrungen in der regionalen Integration gegenseitig nutzen. Deshalb setzen wir uns ein für:
8. Partnerschaft bei regionaler Integration und Zusammenarbeit
Die fortschreitende regionale Integration in Lateinamerika und der Karibik ist ein wesentliches Mittel zur sozialen Gestaltung der Globalisierung. Die SPD unterstützt daher die Bemühungen zur Schaffung effektiver Regionalorganisationen im lateinamerikanischen und karibischen Raum.
Wir begrüßen die Aufnahme von Kooperations- und Assoziierungsabkommen während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft mit der Andengemeinschaft (CAN) und der zentralamerikanischen SICA. Die SPD unterstützt den raschen Abschluss dieser Abkommen ebenso wie die Verhandlungen zwischen MERCOSUR und der EU mit Gewicht auf soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung.
Mit einem Abkommen zwischen MERCOSUR und EU würde eine Form wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen zwei maßgeblichen Weltregionen entstehen, die wirtschaftliches Wachstum und eine verbesserte Wettbewerbssituation zur Folge hätte. Vor allem wäre es aber ein zukunftsweisendes Modell gleichberechtigter Partnerschaft und nachhaltiger Entwicklung, mit dem sich beide Regionen neben Handelsliberalisierung auch politische Zusammenarbeit und sozialen Ausgleich zum Ziel setzen.
Wir begrüßen den Abschluss des Wirtschaftspartnerschaftsabkommens (EPA) zwischen EU und CARIFORUM, das jetzt in partnerschaftlicher Zusammenarbeit und unter Berücksichtigung der bestehenden Asymmetrien zwischen beiden Regionen umgesetzt werden muss.
All diese Abkommen müssen sozial und ökologisch ausgewogen sein. So können sie auf den Weg zu einer kohärenten Zusammenarbeit in den Bereichen Handels-, Entwicklungs- und Umweltpolitik führen.
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, ein starker Staat und eine selbstbewusste Zivilgesellschaft sind unabdingbar für gerechte und friedliche Gesellschaften. In Lateinamerika und der Karibik besteht trotz aller sozialen Verwerfungen eine ungebrochene Zustimmung zur Demokratie, die wir partnerschaftlich weiter unterstützen wollen. Daher setzen wir uns ein für:
9. Partnerschaft bei Stärkung der Demokratie
Demokratie ist ohne politische Parteien nicht denkbar. Für die deutsche Sozialdemokratie ist daher die Zusammenarbeit mit progressiven Parteien in Lateinamerika und der Karibik in inhaltlichen und organisationspolitischen Fragen ein direkter Beitrag zur Stärkung von Demokratie und Menschenrechten. Dabei berücksichtigen wir die Veränderungen der Parteienlandschaft und suchen verstärkt auch den Dialog mit den neuen demokratischen linken Bewegungen mit der klaren Perspektive einer Einbindung in die Sozialistische Internationale.
10. Partnerschaft für ein globales Sozialmodell
In beiden Weltregionen - wenn auch vor unterschiedlichem Hintergrund - stellt die Globalisierung der Märkte die nationale und regionale Wachstums- und Beschäftigungspolitik vor erhebliche Herausforderungen. Darüber hinaus stehen wir vor der Herausforderung, den Sozialstaat zu sichern und weiterzuentwickeln. Die SPD sucht den Dialog mit den progressiven Kräften in Lateinamerika und der Karibik, um neoliberalen Irrungen global tragfähige Alternativen entgegenzustellen.
11. Partnerschaft in Kultur und Wissenschaft
Kultur ist Grundlage von Dialog. Die einzigartigen kulturellen Beziehungen zwischen beiden Regionen stellen die Grundlage für die Zusammenarbeit in allen Bereichen dar. Wir wollen die kulturelle und bildungspolitische Partnerschaft mit Lateinamerika und der Karibik gezielt ausbauen, denn erst durch Bildung und kulturelle Auseinandersetzung wird wirkliche Teilhabe möglich. Gerade in der globalisierten Wissensgesellschaft muss die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Technologie weiter vorangebracht werden, um gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel zu gestalten. Unser Ziel ist es, einen gemeinsamen Hochschul und Wissenschaftsraum zu schaffen.
12. In Partnerschaft mit den Menschen
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten setzen uns für gerechte und soziale Politik in Europa, in Lateinamerika und weltweit ein. Dazu bauen wir auf den Dialog mit den Menschen - auf den Dialog mit Nicht-Regierungsorganisationen, Gewerkschaften, Kirchen, privaten Partnerschaftsinitiativen und Verbänden sowie zwischen den Parlamenten. Um die Partnerschaft mit Lateinamerika und der Karibik mit Leben zu füllen, brauchen wir ein tragfähiges und langfristiges Bündnis. Wir wissen, dass die globalen Herausforderungen nur im Dialog mit den Menschen lösbar sind.